Vorgeschichte
Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags aus dem Jahre 1919 war Deutschland der Bau von Festungen westlich des Rheins und einem 50 km breiten Streifen entlang des rechten Rheinufers untersagt worden. Dem deutschen Reich war auch der Unterhalt einer Wehrpflichtarmee und die Stationierung von Berufssoldaten am Rhein verboten worden. Ein Hauptziel Hitlers und der nationalsozialistischen Politik war es, mittelfristig sogenannten „Lebensraum“ in Osteuropa zu erobern. Dies setzte einen Eroberungskrieg gegen Polen und die Sowjetunion voraus, durch den die dort lebenden Menschen versklavt werden sollten. Ein anderes zentrales Ziel war die Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma und anderen von der NS-Ideologie als minderwertig eingestuften Gruppen nicht nur in Deutschland, sondern in allen künftig zu unterwerfenden Gebieten. Dazu war der Aufbau einer starken militärischer Macht notwendig. Deshalb wurde im März 1935 die Wehrpflicht eingeführt, im März 1936 unter Bruch geltender Verträge das Rheinland besetzt und im Mai 1936 der Befehl Hitlers erlassen, erste Befestigungen an der Westgrenze anzulegen, wobei es bereits zum Bau von ersten Anlagen kam. Am 28. Mai 1938 gab schließlich Hitler den Befehl „zum gewaltigen und beschleunigten Ausbau unserer Verteidigungsfront im Westen“. Nach den ersten Baumaßnahmen ab 1936 war dies die eigentliche Geburtsstunde des Westwalls.

- Ein Sechsschartenturm mit einer Wand- und Deckenstärke von 3,5 m Stahlbeton wird vor der Anschüttung mit Erdreich und groben Steinblöcken mit einem Teeranstrich versehen.
(Foto: Archiv Dr. Karl Ludwig)

- Erdarbeiten an einer Panzersperre mit vier Reihen Stahlbetonhöcker kurz vor der Fertigstellung im Herbst 1938.
(Foto: Archiv Dr. Karl Ludwig)
Die Ziele des Westwalls
- Die Vermeidung eines Zweifrontenkrieges, um freie Hand bei der „Lebensraumgewinnung im Osten“ zu haben (sowohl bei der sog. Sudetenkrise 1938 als auch vom September 1939 bis zum Mai 1940 im sog. Sitzkrieg gegen Frankreich).
- Der Bau einer vergleichbaren Befestigung entlang der Grenze gegenüber der französischen Maginotlinie.
- Die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls (die sog. Volksgemeinschaft) durch die gemeinsame Arbeit an den Anlagen.
- Die Vermittlung eines Gefühls der Sicherheit für die deutsche Bevölkerung.
- Die „Gewöhnung“ an die militärischen Lebensbedingungen und an die Entbehrungen des bevorstehenden Krieges durch die harte körperliche Arbeit an den Baustellen und in den Barackenlagern.
- Die Vermittlung des Bildes eines angeblich defensiven Charakters Deutschlands für die europäischen Nachbarn.
Um diese Wirkung zu unterstreichen, betrieb die Regierung ungeheure propagandistische Aktivitäten und schuf so den Mythos des Westwalls (Filme, Zeitschriften, Propagandakampagnen usw.).
Der Westwall in Zahlen
Während des Baus verschlangen die Westwallbauten 5 % der jährlichen Eisenproduktion, 8 % der Holzproduktion und sogar 20 % der gesamten Zementproduktion Deutschlands.
Insgesamt hatte der Westwall folgenden Umfang:
- Länge ca. 630 km (von Kleve bis Basel).
- Kosten (geschätzt): 3,5 Milliarden Reichsmark insgesamt, davon allein 1 Milliarde Reichsmark im Jahr 1938 (der Wochenlohn eines Arbeiters lag bei 45 – 60 Reichsmark). Faustregel: 1 Reichsmark entspricht ca. 10 Euro des Jahres 2002.
- Über 21.000 fertige bzw. halbfertige Bunker und andere Betonbauwerke wurden gebaut
- Ca. 260 km Panzersperren (sog. „Höckerlinien“ oder „Drachenzähne“) wurden errichtet.
Der Westwall von 1940 bis 1945
Die Baumaßnahmen am Westwall wurden nach dem Waffenstillstand mit Frankreich im Juni 1940 eingestellt. Nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 und deren schnellen Vormarsch in Richtung Reichsgrenze, begann im Spätsommer 1944 die Wiederbewaffnung des Westwalls (Anordnung von Adolf Hitler vom Ende August 1944). Zu diesem Zeitpunkt waren die Westwallanlagen nach nur 6 Jahren bereits technisch veraltet und waren für den Einbau der inzwischen neu entwickelten Waffen nur bedingt zu gebrauchen. Zum Ausheben der oft Kilometer langen Panzer- und Schützengräben wurden nun viele Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und vor allem auch die Zivilbevölkerung (Männer, aber auch Frauen zwischen 16 und 60 Jahren) zwangsverpflichtet. Da der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen in Europa, General Eisenhower, die Offensive an der deutschen Westgrenze im September 1944 u.a. aufgrund von Nachschubproblemen stoppen musste, konnte die „Siegfried-Linie“, wie der Westwall von den Alliierten auch genannt wurde, von den schwachen deutschen Truppen vorläufig gehalten werden. Für den Vormarsch der alliierten Truppen auf breiter Front im März 1945 stellte das „aus Beton gegossene Bollwerk im Westen“ dann zwar kein bedeutsames militärisches Hindernis mehr dar. Der Westwall hatte dennoch in gewissen Umfang dazu beigetragen, den von der NS-Regierung und der Wehrmacht gewollten, militärisch sinnlosen Endkampf zu verlängern und somit die Fortsetzung der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zu ermöglichen. So hatten auch die hier angelegten Festungsanlagen ihren Anteil am 1943 von Propagandaminister Goebbels deklarierten „Totalen Krieg“, der 1944/45 mehr Kriegstote forderte als die ersten vier Kriegsjahre zusammen.
Quelle: VG Bad Bergzabern / Landeszentrale für politische Bildung 2007
(Informationstext auf Informationstafeln des Westwallweges in der VG Bad Bergzabern, 2007).